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Wir leben nicht in Darwins Welt

Die kleinste Einheit des Lebens: Mikrozyme, Bione, Krebsmikroben und Somatide
Die Entdeckung der Bio-Photonen
Reinhard Eichelbeck
Wir leben nicht in Darwins Welt
Teil II
Der Mythos von Kampf und Selektion
Zu den Grundpfeilern des Darwinschen Evolutionsgedankens gehört der Begriff vom „Kampf ums Dasein". Darwin gebrauchte diesen Ausdruck nach eigenem Bekunden „in einem weiten und metaphorischen Sinne" - also auch da, wo er eigentlich nicht angebracht ist. „Man kann auch sagen, eine Pflanze kämpfe am Rande der Wüste gegen die Trockenheit", meinte er, oder die Mistel „kämpfe mit anderen beerentragenden Pflanzen, damit sie die Vögel veranlasse, eher ihre Früchte zu verzehren und ihre Samen auszustreuen als die der anderen." Während die Verwendung von solch militaristischem Vokabular hier einfach fragwürdig ist und den wahren Sachverhalt verzerrt, benutzte Darwin es an vielen anderen Stellen aber durchaus nicht metaphorisch, sondern im wörtlichen Sinne, vor allem wenn er von der „großen Schlacht des Lebens" und vom „Krieg in der Natur" sprach. Und er betrachtete diesen „Krieg" als ebenso „naturgegeben" wie seine Landsleute Hobbes (für den der „Krieg aller gegen alle" der Naturzustand war), Malthus und Spencer.
Der britische Sozialphilosoph Thomas Robert Malthus hatte Ende des 18. Jahrhunderts in seiner Schrift „Über die Bedingungen und Folgen der Volksvermehrung" ausgeführt, daß durch die ungehemmte Fortpflanzung der Menschen ein Bevölkerungsüberschuß entsteht, der einen allgemeinen Kampf um Nahrung und Raum zur Folge hat. Der Philosoph Herbert Spencer hat in diesem Zusammenhang die Schlagworte „struggle for life" (Kampf ums Dasein) und „survival of the fittest" (Überleben des Tüchtigsten) geprägt. Beides hat Darwin übernommen und daraus seinen Evolutionsmechanismus konstruiert: „Es ist die Lehre von Malthus in verstärkter Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich übertragen; denn in diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heiraten möglich. (...) Es gibt keine Ausnahme von der Regel, daß jedes organische Wesen sich auf natürliche Weise in einem so hohen Maße vermehrt, daß, wenn keine Zerstörung einträte, die Erde bald von der Nachkommenschaft eines einzigen Paares bedeckt sein würde."
Ursache für den allgemeinen „Kampf ums Dasein" ist für Darwin also die „Überbevölkerung": „Ein Kampf ums Dasein tritt unvermeidlich ein in Folge des starken Verhältnisses, in dem sich alle Organismen zu vermehren streben." Dabei geht er von der Annahme aus, daß es in der Natur keine „Geburtenkontrolle" gibt - siehe oben. Heute wissen wir, daß dies falsch ist.
In der Natur gibt es keinen Kampf ums Dasein, sondern Kontrollmechanismen
Im Gegensatz zur menschlichen Gesellschaft gibt es in der Natur eine Fülle von Mechanismen, die eine zu starke Vermehrung einzelner Arten verhindern. Es gibt soziale Mechanismen (wie das Revierverhalten der Vögel zum Beispiel), es gibt hormonale Mechanismen (bei den Bibern und vielen anderen Säugetieren beispielsweise, wo bei Überbevölkerung das Fruchtbarkeitsalter der weiblichen Jungtiere später eintritt), es gibt von außen eingreifende Mechanismen, wie Freßfeindschaft oder Seuchen, es gibt noch ungeklärte, aber offenbar effektive Mechanismen bis hin zum „Kollektivselbstmord" wie bei den Lemmingen.
Die Selbstbegrenzung der Tiere nimmt bisweilen sehr drastische Formen an. Etliche Arten, wie beispielsweise Rabenkrähen und Nilbarsche, betreiben Kannibalismus an den Nachkommen ihrer Artgenossen. „Pädophagie" nennt es der Fachmann. Bei den Rabenkrähen können dadurch bis zu 75 Prozent der Nestlinge vernichtet werden. Auch bei den Krokodilen sind die größten Feinde der Jungtiere die eigenen erwachsenen Artgenossen. Die Weibchen der Mehlkäfer sondern mit ihrem Kot einen speziellen Duftstoff ab. Sind zu viele Mehlkäfermütter im gleichen Mehlsack, wird der Duft zu intensiv, und das Weibchen frißt seine eigenen Eier auf. Auch die Raupen des Bärenspinners fressen die Eier der eigenen Art, die so giftig sind, daß sie von anderen Fressfeinden gemieden werden.
Was ist das für eine seltsames Prinzip, das Lebewesen, die wenig fremde Feinde haben, zu Kannibalen am arteigenen Nachwuchs macht? Der Drang „nach der äußersten Vermehrung seiner Anzahl", den Darwin allen Lebewesen unterstellte, doch wohl nicht.
Tatsache ist, daß vor allem die höheren Lebewesen ihre Anzahl den Umweltbedingungen gemäß selbst bestimmen: eine Überbevölkerung und ein daraus resultierender gnadenloser „Kampf ums Dasein" werden vermieden.

Kein Selektionsdruck ohne Kampf ums Dasein

Da kein gnadenloser Kampf herrscht, gibt es auch keinen gnadenlosen „Selektionsdruck" - und damit entfällt auch der „Überlebensvorteil" von kleinsten Veränderungen. Daß komplexe neue Organe oder Merkmale - wie zum Beispiel der Vogelflügel aus einem Saurierbein - durch allmähliche Akkumulation solcher kleinster Veränderungen über lange Zeiträume hinweg entstehen, ist höchst unwahrscheinlich und es gibt dafür keine Beweise - weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit - ja nicht einmal überzeugende Beispiele, wie so etwas theoretisch ablaufen könnte.
Erstens ist es schwierig, sich vorzustellen, wie winzigste Anfänge eines neuen Merkmals oder Organs bereits einen solchen „Überlebensvorteil" darstellen könnten, daß sie ihrem Träger dazu verhelfen, sich durchzusetzen, sich mehr als seine Kollegen zu vermehren und diese zu verdrängen. Den Giftstachel einer Wespe kann man sicherlich als einen „Überlebensvorteil" ansehen - aber wie sieht der erste, winzige Beginn eines solchen komplexen Merkmals aus? Und welchen „Überlebensvorteil" könnte er haben?
Für Darwin war es völlig klar, daß bestimmte Eigenschaften, die einen „Überlebensvorteil" im „Kampf ums Dasein" bieten, ihren Trägern dazu verhelfen, sich durchzusetzen, mehr Nachkommen zu zeugen und andere Lebewesen, welche diese Eigenschaften nicht haben, verdrängen. Er bezog das zum Beispiel auch auf rote Beeren, die einen „Überlebensvorteil" dadurch haben, daß sie von den Vögeln bevorzugt werden. Allerdings gibt es neben den roten auch orangene, gelbe, grüne, blaue, violette, schwarze, weiße - kurz - Beeren in allen nur erdenklichen Farben. Wenn aber alle diese Farben entstehen konnten und sich alle erhalten haben - worin liegt dann der „Überlebensvorteil" einer einzelnen Farbe?
Es gibt in fast allen Biotopen fast alles, was an Eigenschaften, auch jeweils Gegenteiligen, nur denkbar ist. Wenn aber Größe ein „Überlebensvorteil" ist, warum gibt es dann Kleinheit? Wenn Schnelligkeit ein „Überlebensvorteil" ist, warum dann auch Langsame? Komplizierte und Einfache, Giftige und Ungiftige, Aggressive und Friedliche, Gepanzerte und Nackte, Getarnte und Ungetarnte - allesamt nur ein paar Schritte oder Hüpfer oder Flossenschläge voneinander entfernt? Und vor allem: warum sind gerade Lebewesen mit Eigenschaften, deren „Überlebensvorteil" so offensichtlich ist, wie zum Beispiel Giftigkeit oder Tarnfärbung, so deutlich in der Minderheit? Die einfachste Antwort auf diese Frage ist: weil die Natur und die Evolution nicht nach darwinistischen Prinzipien verfahren.
Wie leicht sich Darwins Argumentation ad absurdum führen läßt, zeigt das von ihm in der „Entstehung der Arten" angeführte Beispiel der Giraffen. Sie sollen ja ihre langen Hälse, nach darwinistische Auffassung, unzähligen kleinen zufälligen Veränderungen zu verdanken haben, von denen jede einen Vorteil im „Kampfe ums Dasein" bedeutete. Laut Darwin „werden im Naturzustande, als die Giraffe entstand, diejenigen Individuen, welche am höchsten abweiden und in Zeiten der Hungersnöte im Stande waren, selbst nur einen oder zwei Zoll höher hinaufzureichen als die anderen, oft erhalten worden sein (...) denn diejenigen Individuen, welche irgendeinen Teil oder mehrere Teile ihres Körpers etwas mehr als gewöhnlich verlängert hatten, werden allgemein leben geblieben sein (...) während in demselben Punkte weniger begünstigte Individuen dem Aussterben am meisten ausgesetzt waren." Dabei wird „die Konkurrenz um das Abweiden höherer Zweige der Akazien und anderer Bäume zwischen Giraffen und Giraffen und nicht zwischen diesen und anderen huftragenden Säugetieren bestehen."
Das hört sich im ersten Augenblick gar nicht mal so schlecht an - nur: wenn dem so gewesen wäre, hätten die Jungtiere, die ja erheblich kürzere Hälse haben als die Erwachsenen, wenn es tatsächlich einem gnadenlosen Kampf um die eßbaren Blätter gab, als erste aussterben müssen. Und als nächstes dann die weiblichen Giraffen, deren Hals um etwa einen Meter kürzer ist, als der der Männlichen. Daß sich unter diesen Umständen die Giraffen als solche - und nicht nur ihre langen Hälse - überhaupt entwickeln konnten, ist ein Wunder. Aber davon hat die „Natürliche Selektion", die bei den „Darwinisten" ja allenthalben nach dem Toyota-Prinzip verfährt („nichts ist unmöööglich!"), ohnehin eine ganze Kollektion in ihrem Zauberhut.
Wenn der „Kampf ums Dasein", wie Darwin meinte, „fast ohne Ausnahme am heftigsten zwischen den Individuen einer Art" wäre, dann müßten die Jungtiere, die ja, auch wenn sie über neue Merkmale verfügen, die einen Überlebensvorteil darstellen, doch immer ihren erwachsenen Artgenossen unterlegen sind, als erste daran glauben. Aber dann gäbe es keinen Nachwuchs, und die betreffende Art müßte aussterben. Darwins Evolutionsmechanismus kann also schon allein aus logischen Überlegungen heraus nicht funktionieren.
Desweiteren kann man sich nur schwer vorstellen, wie über unzählige kleine Veränderungen, von denen dazu noch jede vorteilhaft sein soll, ein komplexes Organ entstehen, oder sich in ein anderes, noch Komplexeres verwandeln könnte. Wie verwandelt sich eine Flosse in ein Bein? Ein Bein in einen flugfähigen, befiederten Flügel? Wie Herz und Kreislauf eines Reptils in den eines Säugetiers? Wie sind aus Reptilschuppen Vogelfedern und Säugetierhaare entstanden?
Es kann sich nicht durch zahlreiche kleine Veränderungen, von denen jede ein flugfähiges Flugzeug ergeben soll, ein Propellermotor in einen Düsenantrieb verwandeln, weil es sich dabei um zwei völlig verschiedene Konstruktionen handelt. Ebensowenig konnte sich während der Evolution aus dem alten „Flugmotor" der Libellen - die es schon zur Karbonzeit gab - in vielen kleinen Schritten der modernere „Flugmotor" der Fliegen entwickeln: es sind ebenfalls zwei völlig verschiedene Konstruktionen.
Flugmuskeln
Die Flugmuskeln der Libelle (1) setzen direkt an den Flügeln an und liegen quer zur Körperachse. Bei der Fliege (2) setzen die Flugmuskeln - zwei längs, zwei quer - am Chitinskelett an und bewegen die Flügel indirekt. Schematische Darstellung, nicht maßstabsgerecht
„Ließe sich irgendein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen Vollendung nicht möglicherweise durch zahlreiche kleine aufeinander folgende Modificationen hätte erfolgen können, müsste meine Theorie unbedingt zusammenbrechen", schrieb Darwin in der „Entstehung der Arten".
Man könnte hier beinahe jedes „zusammengesetzte Organ" nehmen, denn sie alle sind erst funktionsfähig, wenn sie komplett sind - aber man braucht gar nicht erst bis zur Organebene gehen. Darwins Theorie bricht schon auf der molekularen Ebene zusammen. Die erste Zelle brauchte ein Mindestmaß an Komponenten um lebendig zu sein - ein allmählicher Übergang von unbelebten Molekülen zu ihr „durch zahlreiche kleine aufeinander folgende Modificationen" ist in der Praxis unmöglich. Denkmodelle wie Manfred Eigens „Hyperzyklus" sind unrealistisch und pure Science Fiction.
Das gleiche gilt für die Enzyme - komplexe Moleküle, deren Wirksamkeit von ihrer räumlichen Struktur abhängig ist. Wird diese Struktur verändert, verliert das Enzym seine Wirksamkeit - es kann also nicht „durch zahlreiche kleine aufeinander folgende Modificationen" entstanden sein, oder sich verändern. Es funktioniert, oder es funktioniert nicht. Und das gilt auch für die Photosynthese, ein komplexer chemischer Prozeß, der bereits zu Beginn der Evolution aufgetreten ist - um nicht zu sagen „erfunden" wurde. Er funktioniert nur, wenn alle Komponenten vorhanden sind, kann also ebenfalls nicht „durch zahlreiche kleine aufeinander folgende Modificationen" entstanden sein.
Darwins Mechanismus - der bei Organen und Organismen schon extrem unwahrscheinlich ist und bisher in keiner Weise belegt werden konnte - ist im Falle dieser Beispiele definitiv unmöglich. Und so muß in der Tat - nach Darwins eigenem Bekenntnis - spätestens hier seine Theorie „unbedingt zusammenbrechen".
Kooperation statt Kampf
Der wesentlichste Faktor evolutiver Entwicklung ist nicht Kampf, sondern Kooperation - das ergibt sich sowohl aus der Erfahrung als auch aus logischen Überlegungen.
Krieg, das wissen wir aus eigener Anschauung, baut nicht auf, sondern zerstört das Vorhandene, macht aus einer blühenden Landschaft einen Trümmerhaufen. In der Evolution aber wurde der umgekehrte Weg beschrieben: aus einem Trümmerhaufen, sozusagen, aus einem öden Steinklotz, wie es sich uns auf den Bildern von Mars oder Merkur zeigt, wurde ein lebendiger, blühender Planet. Ein ständiger Krieg, ein fortwährender Kampf ums Dasein kann derartiges nicht leisten.
Die eigentliche große Zeit Evolution begann damit, daß Einzeller sich vor etwa 600 Millionen Jahren zu vielzelligen Organismen zusammenschlossen. Und dies ist eindeutig ein kooperatives Verhalten, das auch die Fähigkeit und den Willen zur Kommunikation voraussetzt.
Kooperation und Kommunikation sind in der Natur mindestens ebenso wichtig wie Konkurrenz - dafür gibt es eine Fülle eindrucksvoller Beispiele. Viele davon hat Fürst Peter Kropotkin - Aristokrat, Kommunist, Anarchist und Pazifist - schon 1902 in seinem Buch „Mutual Aid. A Factor of Evolution" zusammengestellt.

Helfen, nicht Kämpfen ist das Überlensmotto

Soziale Gemeinschaften (wie beim Wolfsrudel), Symbiosen (wie bei Flechten, Einsiedlerkrebsen und Seeanemonen), Kooperation zwischen Tieren und Tieren (wie bei den Putzerfischen, -garnelen und -vögeln), zwischen Pflanzen und Tieren (Ameisen und Akazien, Insekten und Blütenpflanzen), Pflanzen und Pflanzen (die Bäume im Wald verbinden ihre Wurzeln miteinander, so daß sie Information und Nährstoffe austauschen können), Pflanzen und Pilzen (die Pilzgeflechte an den Wurzelballen) - solche Beispiele für Kooperation gibt es praktisch in allen Lebensbereichen.
Jene kleinen Käfer, die wir „Totengräber" nennen, vergraben in gemeinsamer Anstrengung tote Kleintiere, um mit dem vorgekauten Fleisch des Kadavers ihre Jungen zu füttern.
Vor Urzeiten schon haben sich Pilze und Algen zusammengetan, um Flechten zu bilden. Das Doppelwesen gehört mit über 15000 Arten zu den erfolgreichsten Lebensformen des Planeten. Im ewigen Eis der Polarregionen sind sie ebenso zu finden wie in der glühenden Wüstenhitze: Überlebenskünstler durch Kooperation.
Pilze sitzen auch an den Wurzeln von Pflanzen, versorgen sie mit Wasser und Nährsalzen und lassen sich dafür mit Zucker belohnen. Diese Form der Kooperation findet sich bereits in 270 Jahrmillionen alten Versteinerungen, und die Biologin Lynn Margulis hält es für möglich, daß dies eine der Voraussetzungen dafür war, daß die Pflanzen das trockene Land besiedeln konnten.
Das unterirdisch wuchernde Pilzgeflecht verbindet auch unterschiedliche Pflanzen miteinander und gibt ihnen die Möglichkeit, Nährstoffe auszutauschen. Botaniker an der englischen Universität Sheffield haben dies schon vor Jahren im Laborversuch nachgewiesen. Von zwei Pflanzen, einem Schaf-Schwingel (der zu den Gräsern gehört) und einem Spitzwegerich, die durch ein Pilzgeflecht verbunden waren, wurde eine unter eine Glasglocke gesetzt, und ihrer Atemluft eine Spur von radioaktivem Kohlendioxid hinzugefügt. Der von ihr produzierte, jetzt leicht radioaktive Zucker konnte dann mit einem Strahlenmeßgerät verfolgt werden. Wenn die zweite Pflanze nun dunkel gehalten wurde und „hungerte", erhielt sie über das Pilzgeflecht Zucker von der anderen Pflanze.
Man hat bei den Ameisen von einem „sozialen Magen" gesprochen, weil alle Mitglieder eines Ameisenstaates ihre Nahrung miteinander teilen und sich bei Bedarf gegenseitig füttern. Auch Wiese und Wald bilden so offenbar, mit Hilfe des Pilzgeflechts, so etwas wie einen „sozialen Magen". Das unterirdische „soziale Netz" macht aus einer Ansammlung von Pflanzen einen ökologischen Organismus. Aber der saure Regen zerstört die Pilze. Kein Wunder, daß der Wald stirbt. Kooperation ist lebenswichtig, und es wird höchste Zeit, daß wir das begreifen. Beweise und Indizien dafür gibt es in Hülle und Fülle, und wer die Welt ohne das darwinistische Brett vorm Kopf betrachtet, wird sie auch sehen.
Eine unscheinbare Amöbe, der Schleimpilz Dictyostelium discoideum, zeigt in Zeiten der Not eine höchst interessante Reaktion. Normalerweise kriechen diese Einzeller für sich alleine herum, fressen Bakterien und vermehren sich fleißig durch Teilung. Sobald aber die Nahrung knapp wird und eine Amöbe zu hungern beginnt, sendet sie einen chemischen Botenstoff aus. Andere Amöben, die das Signal auffangen, geben es weiter, indem sie ebenfalls diesen Botenstoff produzieren. Wenn er eine bestimmte Konzentration erreicht hat, strömen alle Amöben im Umkreis zusammen - manchmal bis zu 100000 Stück - und formen ein schneckenartiges Gebilde. Indem sie jetzt alle koordiniert und synchron handeln, bewegen sie sich wie eine winzige Nacktschnecke, von ihren Wärme- und Lichtsensoren geleitet, in Richtung auf einen warmen, sonnigen Platz. Dort formen sie eine Halbkugel, aus der ein Stil emporwächst, der dadurch entsteht, daß einige der Amöben sich aufrichten, verhärten und absterben, andere an ihnen emporklettern, sich ebenfalls verhärten und absterben undsoweiter.
Schleimpilz
Lebenszyklus des Schleimpilzes Dictyostelium Discoideum: 1 einzelne Amöbe, 2 Wachstum und Vermehrung, 3-4 Versammlung, 5 Wanderung, 6-7 Aufrichtung, 8 Reifer fruchtkörper, 9 Spore
Nachdem etwa 20 Prozent der Amöben sich so für die Allgemeinheit geopfert haben, klettert der Rest den Stiel empor, bildet einen Fruchtkörper und verwandelt sich in Sporen. Bei Gelegenheit platzt der Fruchtkörper auf, Wind oder Regen tragen die Sporen davon, in nahrungsreichere Gefilde, aus jeder Spore wird ein Amöbe - und das Spiel beginnt von neuem.
Es zeigt sich hier ganz eindeutig, daß Hunger und Not nicht zu einem darwinistischen „Kampf ums Dasein" führen, sondern durch eine kooperative Lösung, durch Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe - bis hin zum Opfer für die Allgemeinheit - überwunden werden. Solche Beispiele gibt es in Hülle und Fülle - von den Einzellern bis zu den Elefanten.
Um die Kooperation in einen verkappten Egoismus umzudefinieren, haben die „Darwinisten" die sogenannte „Verwandtschaftsselektion" („kin selection") erfunden. Ihre Basis ist die abenteuerliche Hypothese des englischen Zoologen Richard Dawkins von den „egoistischen Genen". Sie sind dafür verantwortlich, daß verwandte Tiere sich gegenseitig helfen. Ich will auf diesen Unfug hier nicht weiter eingehen - in meinem Buch habe ich mich ausführlich dazu geäußert.
Andererseits geht es aber in der Natur auch nicht nur kooperativ und liebevoll, sondern auch ziemlich ruppig zu. Das Leben baut auf dem Leben auf, das Leben lebt vom Lebendigen - und eben vor allem auch dadurch, daß ein Lebewesen andere Lebewesen auffrißt und verdaut.
Fressen und Gefressenwerden ist in der Natur ein notwendiges und sinnvolles Prinzip, durch das die Lebewesen sich nicht nur selbst erhalten, sondern auch ihre Biotope, indem sie sich gegenseitig in ihrer Anzahl begrenzen. Dadurch wird unter anderem verhindert, daß eine Art sich übermäßig vermehrt, ihre Nahrungsquellen erschöpft - und dann zu Grunde geht. In diesem Sinne könnte man auch das Verhältnis von sogenannten „Fressfeinden" als eine quasi-symbiotische Beziehung ansehen. Zumal dieses Prinzip eben nicht zu einem Überleben des jeweils Stärksten und einem damit zwangsläufig verbundenen Rüstungswettlauf führt - bei dem beispielsweise die Schnecken immer dickere Schalen und die Vögel immer größere Schnäbel bekommen müßten, oder die Zebras immer stärkere Hufe und Beinmuskeln und die Löwen immer größere Krallen und Zähne - sondern vielmehr zu einer Erhaltung und Stabilisierung der Lebensformen, zu einem Gleichgewicht - einem dynamischen, sich wandelnden „steady-state" oder Fließgleichgewicht innerhalb der Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren im Rahmen eines Biotops. Wobei die Erhaltung des Biotops ein ebenso wesentliches Prinzip darzustellen scheint, wie die Erhaltung der einzelnen Art.
Ö;kologischen Nischen dienen der Kooperation
Ein wichtiges Element der biotopischen Organisation ist die „ökologischen Nische", die in der darwinistischen Literatur gewöhnlich so dargestellt wird, als ob sie schlechthin einfach vorhanden wäre, und von einer Art im Konkurrenzkampf mit anderen Arten „erobert" würde. Aber tatsächlich handelt es sich hierbei um etwas von den Lebewesen durch ihre Lebensäußerungen Geschaffenes, und zwar vor allem durch Zurückhaltung und Selbstbeschränkung - durchaus nicht im Sinne eines darwinistischen „Survival of the fittest"- Prinzips.
Die Schwäne besetzen beispielsweise ein Revier, in dem sie nur etwa ein fünftel der Nahrungsreserven nutzen - es bleibt genügend übrig für andere. In Madagaskar leben drei Arten von Halbaffen nebeneinander vom Bambus. Eine frißt nur die Blätter, eine nur die Schößlinge, eine nur die Innenwände der Stengel. In der Serengeti erscheinen erst die Zebras (und fressen nur die Spitzen der Gräser), dann die Gnus (und fressen das halbe Gras ab) und schließlich die Thomsongazellen (die den Rest fressen). Wie will eine darwinistische Evolutionsauffassung solche „Selbstbeschränkungen" erklären? Offensichtlich gar nicht - denn solche Beispiele (von denen man noch zahlreiche andere anführen könnte) kommen in der orthodoxen Literatur nicht vor.
Es ist ein generelles, und ebenfalls im darwinistischen Sinne nicht zu erklärendes Phänomen, daß alle Tiere nur ganz bestimmte Arten von Nahrung zu sich nehmen, wobei einige Insekten sogar soweit gehen, daß sie sich von einer einzigen Nahrungspflanze abhängig gemacht haben. Es ist leicht einzusehen, daß es ein erheblicher Überlebensvorteil wäre, wenn sie sich mehrere Nahrungsquellen zu Nutze machen könnten - warum also hat die „natürliche Selektion" sie nicht in diese Richtung getrieben? Die Angewohnheit, anderen etwas übrig zu lassen, ist so weit verbreitet, daß man sich nicht übersehen kann - aber sie ist auch so undarwinistisch, daß man sie bei den Darwinisten nicht erwähnt findet.
„Nahrungsspezialisierung" ist in der Natur die Regel - nur der Mensch macht hier wieder eine Ausnahme. Er allein verhält sich ganz im Sinne Darwins, indem er nicht nur alles frißt, was eßbar ist, sondern sich sogar auch das nicht Eßbare noch eßbar macht. Dabei hat er sich auch Nahrungsquellen erschlossen, die ihm weder vom Instinkt, noch von seinen Verdauungsorganen her angemessen sind - tierisches Fleisch zum Beispiel. Er verstößt hier ganz offensichtlich gegen eine elementare Spielregel der Natur, nämlich: halte dich an deine angestammte Nahrung und laß anderen noch etwas übrig. Dem Alten Testament zu Folge begann das allerdings erst, als der Mensch aus dem Paradies (wo die Nahrung auf den Bäumen wuchs, wie im Schlaraffenland) vertrieben wurde. In einem alten persischen Mythos hingegen ist es umgekehrt: die Menschen wurden deshalb aus dem Paradies vertrieben, weil sie begannen Bäume zu fällen und Tiere zu essen. Wenn das aber tatsächlich so war, dann kann man vermuten, daß sie gar nicht aus dem Paradies vertrieben wurden, sondern daß sie es selbst ruiniert haben - der Beginn einer jahrtausendealten Tradition von Umweltzerstörung.
In einem gesunden Biotop leben eine Fülle ganz verschiedener Lebewesen, Einzeller und Mehrzeller, Bakterien, Pilze, Pflanzen und Tiere zusammen, kooperieren und konkurrieren miteinander - und das Ergebnis ist Stabilität durch Vielfalt, über Jahrtausende hinweg. Ein geniales System, das der Mensch, bei aller Intelligenz, in seinen Gesellschaftsordnungen bislang noch nicht nachvollziehen konnte. Woran liegt das? Wie kommt es, daß das Biotop als ganzes wie ein Organismus funktioniert? Wer oder was organisiert und koordiniert die hier geleistete Arbeitsteilung, die nicht von zentral gesteuerten Zellen, sondern von einzelnen Individuen verschiedener Arten vollzogen wird? Ein darwinistischer Mutations-Selektions-Mechanismus kann so etwas weder erzeugen, noch erhalten. Es schimmert hier ein übergeordnetes Prinzip durch, das den „arterhaltenden" Egoismus bremst, um die biotopische Vielfalt zu erhalten. Dieses Prinzip ist einer der wesentlichsten ökologischen Faktoren - für den ganz und gar unökologischen „Darwinismus" aber kein Thema: weil es nicht ins materialistisch-mechanistische Weltbild paßt.
Widersprüche
Neben den Irrtümern gibt es bei Darwin auch einige Widersprüche. Während er einerseits eine „natürliche Selektion" annimmt, die nur die Stärksten überleben läßt, bemüht er andererseits, um Schönheit zu erklären, die zum Teil auf Kosten der Zweckmäßigkeit geht (beim Pfau zum Beispiel), eine „geschlechtliche Selektion". Er versäumt aber zu erklären, wer oder was die „natürliche Selektion" bremst, solange die „geschlechtliche Selektion" am Werke ist - und umgekehrt. Wenn beides tatsächlich, wie behauptet, blinde Kräfte sein sollen, ist hier wiederum eine höhere Schöpferische Instanz gefordert, die beide steuert und mal der einen, mal der anderen den Vorzug gibt.
Widersprüchlich ist ferner Darwins Vorstellung, daß die „natürliche Selektion" einerseits stets um die „Vervollkommnung" der Lebewesen bemüht ist, er andererseits aber, wenn es darum geht, Unvollkommenheiten zu erklären, meint, daß es keinen „Zwang zur Vollkommenheit" gäbe. Er spricht einerseits davon, daß die „natürliche Selektion" die Lebewesen dazu zwingt, sich zu verändern und anzupassen, wenn sie überleben wollen - andererseits gibt er zu, daß es Lebewesen gibt, die sich seit endlosen Zeiten nicht oder nur unwesentlich verändert haben - und daß die „natürliche Selektion" dies zuläßt. Auch hier verlangt er von einer blinden und ungelenkten Kraft ein Unterscheidungsvermögen, das Intelligenz voraussetzt. Ebenfalls rätselhaft sind die großen Unterschiede im Entwicklungstempo.
Wenn man von der darwinistischen Vorstellung ausgeht, daß die stammesgeschichtliche Entwicklung in der Evolution durch die Akkumulierung kleiner vererbter Veränderungen geschieht, dann müßte dies logischerweise um so schneller vor sich gehen, je kürzer die Generationsdauer ist. Aber erstaunlicherweise haben sich gerade die Einzeller mit einer extrem kurzen Generationsdauer, wie zum Beispiel Bakterien, die sich etwa alle halbe Stunde verdoppeln, in den vergangenen Sechshundert Millionen Jahren kaum verändert, während im gleichen Zeitraum die gesamte Evolution der Vielzeller ablief - mit einer fast unvorstellbaren Fülle von Verwandlungen.
Die Entwicklung der Säugetiere im Känozoikum lief viel schneller ab, als die anderer Tierklassen, obwohl ihre Generationsfolge länger ist. Und bei den Säugern selbst wiederum haben die Elefanten mit ihrer außerordentlich langen Generationsfolge sich viel rascher verändert, als beispielsweise die Nagetiere mit ihrer um vieles kürzeren Generationsdauer.
Arten, die am gleichen Ort nebeneinander leben, verändern sich oft ebenfalls in ganz unterschiedlicher Geschwindigkeit. Während eine Art sich rasch verändert, verändern sich andere überhaupt nicht oder nur sehr wenig. Die Buntbarsche im Viktoriasee haben in unglaublich kurzer Zeit hunderte von verschiedenen Arten hervorgebracht, aber die Lungenfische, die zwischen ihnen herumschwimmen, sind seit Jahrmillionen sich selbst treu geblieben. Und die sogenannten „lebenden Fossilien" haben sich zum Teil sogar seit hunderten von Jahrmillionen kaum oder gar nicht verändert.
Der Molukkenkrebs Limulus ist 200 Millionen Jahre alt, und der Armfüßer Lingula, ein muschelähnlicher Meeresbewohner, sogar 440 Millionen. Selbst einzelne Arten können sehr lange Zeit unverändert bleiben. Atrypa reticularis, ebenfalls ein Armfüßer, hat es auf 60 Millionen Jahre gebracht, und ein Krebs namens Triops cancriformis auf 180 Millionen. Unter den Pflanzen tun sich der Ginko mit 160 Millionen und das Bärlappgewächs Selaginella mit 250 Millionen Jahren hervor. Nicht zu vergessen die Bakterien, die auch hier wieder die Weltmeister im unveränderten Altern darstellen.
Lebende Fossilien
Verschiedene "lebende Fossilien": a Triops cancriformis, b Lingula, ordovizische (1) und heutige (2) Form, c Ginkgo biloba, d Limulus walchi
Wie es dazu kommt, daß einige Lebewesen sich seit vielen Millionen von Jahren kaum verändert haben, während es andererseits im gleichen Zeitraum enorme Änderungen gab, kann der „Darwinismus" nicht befriedigend erklären. Es ist jedenfalls höchst unlogisch, die gleiche blinde und unbewußte Kraft sowohl für Veränderung als auch für Erhaltung verantwortlich zu machen. Das wäre etwa so, wie wenn man in der Schwerkraft sowohl die Ursache dafür sieht, daß ein Apfel zu Boden fällt, als auch dafür, daß ein Flugzeug fliegen kann. Oder ein Auto verlangt, bei dem das Gaspedal gleichzeitig die Bremse ist.
Ungeheure Beständigkeit einerseits und unglaubliche Veränderung anderseits machen die Evolution aus. Es ist unmöglich, hier die gleiche blinde Kraft für diese Gegensätze verantwortlich zu machen. Extrem konservativ und extrem progressiv zugleich - das schaffen nicht einmal menschliche Politiker, die flexibler und prinzipienloser sind, als alles Andere, was die Evolution geschaffen hat. Wenn die gleiche Kraft gleichzeitig gezielt bremsen und beschleunigen soll, dann erfordert dies Beurteilungs- und Entscheidungsfähigkeit. Und die können weder der Zufall, noch die „natürliche Selektion" haben, es sei denn, man betrachtet sie wiederum als schöpferische Instanzen.
Ungeklärt ist auch die Frage der sogenannten „konvergenten Evolution", der Ausbildung funktionsgleicher Merkmale bei ganz unterschiedlichen Lebewesen, die nicht näher miteinander verwandt sind. Es ist zwar möglich, aber keineswegs notwendig, daß ähnliche Umweltbedingungen auch ähnliche Merkmale hervorrufen. Man kann auf die gleiche Frage durchaus unterschiedliche Antworten geben, und das zeigt sich auch immer wieder in der Natur. Wenn aber der Seidenspinner und eine Muschel im Roten Meer (die nicht miteinander verwandt sind) beide Seidenfäden produzieren, deren Aufbau nahezu identisch ist, dann läßt sich das weißgott nicht durch ähnliche Umweltbedingungen erklären. Durch die Metapher „Zufall" schon gar nicht.

Eigenschaften sind nicht Folge, sondern Voraussetzung für das Überleben

Die „Darwinisten" haben es sich angewöhnt, viele Merkmale und Eigenschaften als Anpassung an bestimmte Lebensumstände zu erklären. Was sie dabei oft übersehen haben, ist die Tatsache, daß viele dieser „Anpassungsmerkmale" in Wirklichkeit die VORAUSSETZUNG für das Überleben in einer bestimmten Umgebung sind - und daher nicht seine Folge sein können. Der Darmparasit kann seine Unverdaulichkeit nicht erst als Anpassung an sein Leben im Darm erworben haben - er brauchte sie von Anfang an - sonst wäre er gleich verdaut worden. Die Fische hatten keine Zeit, in Anpassung an das Landleben Beine und Lunge zu erwerben - sie brauchten beides, um überhaupt an Land herumspazieren zu können. Eigenschaften, die in einer neuen Umgebung oder für eine andere Lebensweise nützlich sind, mußten also entstanden sein, bevor sie nützlich wurden.
Die „Darwinisten" haben hierfür den ebenso schönen wie unlogischen Begriff der „Präadaption" erfunden, der „Vorausanpassung". Anpassung ist aber per Definition etwas, das im Nachhinein geschieht - und „Vorausanpassung" ist ein ebenso sinnvoller Ausdruck wie „Vorabschlußfolgerung". Aber der gesamte „Darwinismus" ist ja gewissermaßen eine „Vorabschlußfolgerung" - und da paßt eine „Vorausanpassung" durchaus ins Bild. Was aber nicht so gut ins Bild paßt ist die Frage, wie sie entstehen konnte. Nach Darwin muß ja jede Veränderung von Vorteil sein - und worin besteht der Vorteil einer Antwort, für die es noch gar keine Frage gibt?
Es wäre auch höchst einseitig, alle Erscheinungen in der Natur nur als „Anpassungen" zu verstehen. Die Bäume zum Beispiel sind nicht in Anpassung an die Schwerkraft in den Himmel gewachsen, sie haben sich in Auflehnung, im Widerstand gegen die Schwerkraft aufgereckt - sie sind lebende Denkmäler der Nichtanpassung. Nur die Pflanzen, die am Boden kriechen, zeigen wirklich Anpassung an die Schwerkraft. Was aber hat einige von ihnen dazu bewogen, gegen die Schwerkraft zu rebellieren? Worin bestand der Überlebensvorteil dieser Kraftanstrengung, die überdies die Erfindung neuer Baustoffe und neuer Technologien mit einschloß? Geniale Erfindungen, wie Zellulose und Lignin, oder die Spaltöffnungen der Blätter, und nicht zuletzt die Blätter selbst - all das sind nicht einfach Anpassungen an irgendwelche Umweltbedingungen. Und warum mußten sie immer größer werden? Moose, Farne, Gräser und Sträucher demonstrieren täglich ihre Überlebenstüchtigkeit durch ihre Existenz. Wozu also Bäume? Und dann auch noch Giganten, die an die 4000 Jahre alt und 135 Meter hoch werden - höher als der Turm des Freiburger Münsters?
Nicht „Anpassung" der Lebewesen an die Umwelt, sondern ihre „Gestaltung" war es, die die Welt verändert und auf den heutigen Stand gebracht hat. Von Anfang an. Der Arbeit von Photosynthese treibenden Einzellern verdanken wir unsere Atmosphäre und den Ozonschild, der die harte UV-Strahlung abschirmt - unverzichtbare Grundlagen unseres Lebens. Die Erfindung der Photosynthese war keine Anpassung. Wenn unsere Urahnen, die Einzeller, sich nur an die „Uratmosphäre" und an die „Ursuppe" angepaßt hätten - dann säßen sie immer noch dort. Die Evolution wäre ausgefallen. Was die Evolution vorangetrieben hat, war die Erfindung von „Neuheiten" - Photosynthese, vielzellige Organismen, Kiefer und Zähne, Flossen, Beine, Flügel, Herz und Lunge, Nerven und Gehirn. Pure Anpassung - auch wenn sie noch so lange winzig kleine Veränderungen ansammelt - kann nichts Neues erfinden, im Gegensatz zur Meinung Darwins und der „Darwinisten". Anpassung kann vielleicht Flossen perfektionieren, aber sie kann keine Beine daraus machen.

Evolution ist Gestaltung, nicht Anpassung

Alles in allem müssen wir zu dem Schluß kommen, daß die entscheidenden Fragen der Evolution mit dem darwinistischen Selektionsmechanismus nicht befriedigend zu erklären sind. Wie kommen Schmetterlinge zu Stande? Was veranlaßt einen besseren Wurm dazu, sich in ein buntes Flugobjekt zu verwandeln? Vom darwinistischen „survival of the fittest"- Standpunkt aus könnte man verstehen, wenn eine Raupe immer gefräßiger wird, wenn sie immer mehr Nahrungspflanzen für sich nutzbar macht, wenn sie immer tarnfarbener wird, immer giftiger wird und - nachdem sie sich mit einer andersgeschlechtlichen Raupe gepaart hat - immer mehr Eier legt, um sich so weit wie möglich auszubreiten und so viele andere Arten wie möglich zu verdrängen. Aber dieses ist nicht geschehen. Statt dessen verpuppt sich die Raupe, zieht sich, für einen längeren Zeitraum unbeweglich und wehrlos, in sich selbst zurück, löst den eigenen Körper auf und bastelt sich einen Neuen, der völlig anders gebaut ist. So als ob ein Auto für ein paar Wochen in der Garage verschwindet, und dann als Flugzeug wieder zum Vorschein kommt. Wie macht sie das - und vor allem warum? Wie könnte etwas derartiges aus einer Akkumulation vieler kleiner Veränderungen entstanden sein? Ein Rätsel - mit dem „darwinistischen" Denkmodell nicht zu erklären. Der Schmetterling ist nur eines von vielen tausend Insekten - und noch nicht einmal das komplizierteste - die solche und andere höchst seltsame Verwandlungen durchmachen. Warum leben die Siebzehnjahr-Zikaden 17 Jahre unter der Erde, machen sich dann die Mühe sich in Flugobjekte zu verwandeln, nur um einen guten Monat lang durch die Lüfte zu tanzen und sich zu paaren? Warum treiben sie es nicht gleich im Untergrund und sparen sich den ganzen Aufwand? Was hat das ganze Geflatter für einen „Überlebensvorteil"?
Wie steht es mit den Eintagsfliegen, die sich der mühsamen Metamorphose unterziehen, nur um einen Tag lang zu fliegen? Warum tun sie es nicht den Würmern und anderen Kriechern gleich? Es geht doch sehr gut auch ohne Luftbegattung - wozu also der ganze Umstand? Wo ist da bloß der „Überlebensvorteil" versteckt?
Wie wurden vierbeinige Landsäugetiere zu Walen und Delphinen? Über welche, wie auch immer gearteten Zwischenstufen? Wie wurden aus Reptilien Vögel? Die genialste Antwort darauf hat Ernst Haeckel gefunden: „Die Vögel sind aus eidechsenartigen Reptilien dadurch entstanden, daß die fliegende Ortsbewegung an die Stelle der kriechenden trat; die Vorderbeine der letzteren verwandelten sich in die Flügel der ersteren." Aber wo sind die unzähligen Zwischenstufen, die den Übergang von der kreuchenden zur fleuchenden Ortsbewegung dokumentieren könnten? „Autant de questions, autant de silence", meinte, in einem ähnlichen Zusammenhang, der renommierte französische Biologe Pierre Grassé: so viele Fragen, so wenig Antworten. Entgegen aller Beteuerungen seiner Anhänger sind die Grundaussagen des „Darwinismus" keineswegs gesichert oder bewiesen. Darwin selbst hat das noch zugegeben. Er schrieb an einen seiner Enkel: „Ich glaube an die natürliche Selektion, nicht weil ich in irgendeinem speziellen Fall beweisen kann, daß sie eine Spezies in eine andere verwandelt hat, sondern weil das (wie mir scheint) eine Reihe von Tatsachen der Klassifikation, der Embryologie, der Morphologie, der rudimentären Organe, der geologischen Abfolge und Verteilung ordnet und erklärt."
Trotz aller Bemühungen der „Darwinisten" gibt es - außer in ihren Wunschträumen, die sie allerdings teilweise als wissenschaftliche Wahrheiten verkaufen - auch heute immer noch keine Beweise für das darwinistische Denkmodell.
Im Gegenteil - sowohl die Logik als auch die bekannten Fakten sprechen eher dagegen, als dafür. Eine Aussage wie: „Die naturwissenschaftliche Theorie der Abstammungslehre und die von Darwin entdeckten Faktoren der Artenwandlung: Erbliche Variabilität durch Mutationen, Selektion der geeigneten Varianten, divergente Entwicklung voneinander isolierter Rassen und Arten - dies alles ist vollgültig bewiesen, so gut bewiesen wie irgendeine physikalische oder chemische Theorie" - ist schlicht und einfach falsch, so falsch wie das ganze Denkmodell selbst.
Der „Darwinismus" ist nur im ersten Augenblick einleuchtend, solange man nicht darüber nachdenkt oder ins Detail geht. Bei näherer Beschäftigung mit der Komplexität der Lebewesen, mit der technischen Genialität ihrer Organe und der subtilen Vielfalt ihrer Verhaltensweisen wird jedem, der nicht völlig der Darwinomanie verfallen ist, deutlich, daß dieses Denkmodell die Evolution nicht erklären kann.
Dies ist inzwischen auch vielen darwinorientierten Wissenschaftler klar geworden. In dem von Wolfgang Wieser herausgegebenen Band „Die Evolution der Evolutionstheorie" werden (auf Seite 251 ff.) nicht weniger als 21 Sachverhalte aufgeführt, die das darwinistische Evolutionsmodell in Frage stellen, und es heißt da: „Man wird vielleicht über die vielen Phänomene überrascht sein, von denen jedes dazu angetan sein müßte, das Paradigma des Neodarwinismus hinsichtlich des Anspruchs einer bis auf technische Details im wesentlichen richtigen und vollständigen Theorie der Evolution zu widerlegen. Dies gilt um so mehr, als alle diese Phänomene allgemein und viele leicht überprüfbar sind." Aber die notwendige Konsequenz, nämlich zu sagen: das darwinistische Denkmodell ist falsch, laßt uns ein besseres finden - die wird leider nicht gezogen.
Auch der Herausgeber selbst schreibt in seinem einleitenden Artikel: „Genmutation und natürliche Selektion reichen nicht aus, um sämtliche Veränderungen der biologischen Evolution zu erklären." Allerdings fügt er sogleich hinzu, daß die Liste der Kritikpunkte zwar eindrucksvoll sei, „ob sie jedoch ausreicht, um von einer Krise, ja vom ‘Ende’ des Darwinismus sprechen zu können (...) ist mehr als zweifelhaft."
Um sich aus der Affäre zu ziehen, haben die Darwinisten nun das „systemische Denken" und die „Selbstorganisation" als Ergänzung zu ihren alten Zauberwörtern „Mutation", „Selektion" und „Anpassung" erfunden.

„Selbstorganisationstheorien"

Nach der materialistisch-darwinistischen Auffassung darf es eine höhere schöpferische Intelligenz, die - wie auch immer - lenkend die Evolution gestaltet, nicht geben. Auf der anderen Seite gibt es aber viele Erscheinungen und Bildungen in der Natur - Formen und Funktionen von Lebewesen, die beispielsweise auch von den Darwinisten als „geniale Erfindungen der Natur" bezeichnet werden, deren Entstehung ein so hohes Maß an intelligenter, koordinierter Organisation verlangt, daß die Frage nach der Ursache dieser organisierenden Intelligenz unumgänglich wird.
Schon Ernst Haeckel hatte dieses Problem gesehen: „Wie können", so fragte er sich, „zweckmäßige Einrichtungen mechanisch entstehen, ohne zwecktätige Ursachen?" Oder, anders gesagt, wie kann man den Bau eines Hauses erklären, wenn es keinen Architekten geben darf? Oder die Entstehung einer Symphonie ohne Komponisten?
Für Darwin und seine frühen Anhänger, wie zum Beispiel Huxley, Haeckel oder Weismann, war der Fall klar: durch den Kampf der Teile ums Dasein, bei dem „die Stärksten siegen, und die Schwächsten erliegen". Beim Kampf der Baustoffe haben eben an einigen Stellen die Fenster sich gegen die Backsteine durchgesetzt und an anderen Stellen die Türen. Beim Krieg der Töne waren eben einmal die Terzen siegreich und ein anders Mal die Quarten. Und zudem haben sich im anschließenden Konkurrenzkampf der Orchesterinstrumente eben einmal die Geigen durchgesetzt und ein anderes Mal die Trompeten.
Diese Sichtweise ist heute allerdings nicht mehr so beliebt bei den Darwinisten, denn Begriffe wie „Krieg" und „Kampf" haben heute einen anderen Klang, als noch zu Darwins Zeiten. Aber nach wie vor darf es keine schöpferische Intelligenz, keinen Architekten oder Komponisten geben. Als Ausweg entdeckte man den Begriff der „Selbstorganisation". Das Haus entsteht durch „Selbstorganisation" der Baustoffe, die Symphonie durch „Selbstorganisation" erst der Töne und des weiteren dann der Orchesterinstrumente. Oder, um wieder zur Biologie zurückzukehren - die Zelle entsteht durch „Selbstorganisation" von Atomen und Molekülen und der Organismus dann durch „Selbstorganisation" der Zellen. In der Praxis hat soetwas zwar noch niemand demonstrieren können, aber Theorien darüber gibt es reichlich.
Manfred Eigen entwickelte beispielsweise das sogenannte „Hyperzyklus-Modell" für die Entstehung der ersten einzelligen Lebewesen durch ein „kooperatives System" von Protein- und Nukleotidmolekülen (den Bausteinen der DNS), die sich gegenseitig reproduzieren. Dieses Modell ist allerdings pure Science Fiction, und es gibt bis heute keinen experimentellen Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme. Wenn man die molekularen Bestandteile einer Zelle im Reagenzglas oder in der Petrischale zusammenrührt, bilden diese keineswegs in „Selbstorganisation" eine lebende Zelle. Im Experiment hat man lediglich isolierte Teilschritte des mutmaßlichen Ablaufs nachvollzogen und dazu auch noch Substanzen benutzt, die man vorher aus bereits vorhandenen Lebewesen gewonnen hat. Außerdem hat in diesen Experimenten der Mensch als ein von außen eingreifendes, höheres schöpferisches Wesen erheblichen Einfluß genommen, und so stützen diese Experimente, wenn überhaupt irgendwas, bestenfalls eine Schöpfungshypothese. Einen Beweis für „Selbstorganisation" von Molekülen können sie nicht liefern - was immerhin auch die Schulbücher - am Rande wenigstens - eingestehen: „Die Teilschritte der dargestellten Zyklen stützen sich auf Experimentalbefunde mit Protein-Nucleotidsystemen aus heutigen Lebewesen. Die Aussagen über Möglichkeiten der Entstehung der Zyklen in der Vergangenheit stellen eine nicht überprüfbare Theorie dar, die allerdings eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen kann."
Manfred Eigen selbst war ehrlich genug, zuzugeben: „Die Frage nach dem historischen wie der Entstehung des Lebens hat eine kurze und klare Antwort: Wir können es nicht wissen." Und er fügt hinzu: „Daraus sollten wir mit Wittgenstein folgern: ‘Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen’." Leider haben viele Anhänger der darwinistischen Evolutionslehre diesen ebenso klaren wie vernünftigen Ratschlag ignoriert.
Ein anderes „Selbstorganisationsmodell", das immer wieder zitiert wird, ist Hermann Hakens „Synergetik" oder „Lehre vom Zusammenwirken". Sie klärt in genialer Weise die alte Frage, was zuerst da gewesen sei, das Huhn oder das Ei durch die Feststellung, daß sich beide gegenseitig erschaffen haben: das Huhn erzeugt das Ei, und das Ei erzeugt das Huhn. In einem System oder einer Gruppe - „seien es Atome, Moleküle, Zellen, Tiere oder Menschen" - erschafft das Zusammenwirken der einzelnen Teile einen „Ordner", der dann seinerseits die Genossen „versklavt" und ihnen seinen Willen aufzwingt. Ob das nun gerade ein gutes Beispiel für „Selbstorganisation" ist, wage ich zu bezweifeln, aber nach Hakens Ansicht jedenfalls „spielt das Versklavungsprinzip eine zentrale Rolle in der Synergetik". Es findet sich in der Natur ebenso wie in der menschlichen Gesellschaft, in einem lebenden Organismus ebenso wie in der unbelebten Materie - zum Beispiel beim Laser.
Haken beschreibt den Laserprozeß mit einem ausgesprochen darwinistischen Vokabular. Lichtwellen „treten miteinander in Konkurrenz", eine Welle „gewinnt schließlich gegenüber allen anderen" und diese „werden unterdrückt". Die siegreiche Welle „zwingt ständig jedes neu angeregte Leuchtelektron eines Atoms in ihren Bann und bringt es so zum Mitschwingen im Takt". Und das ist ganz im darwinistischen Sinne, denn es hat hier ja „ein Wettkampf, ein Ausleseprozeß stattgefunden, alle Elektronen sind dabei Sklave einer bestimmten Welle geworden. Interessant dabei ist, daß anfänglich die verschiedenen Wellen rein zufällig, spontan von den Elektronen erzeugt werden - dann aber aufgrund der Gesetze des Wettbewerbs ausgesondert, selektiert werden".
Nachdem Haken so den Laserprozeß mit darwinistischem Vokabular beschrieben hat, nimmt er ihn anschließend als Beweis dafür, daß Darwin Recht hatte, da ja bereits der Laser sich darwinistisch verhält. Das verdankt er aber nur Hakens Beschreibungsweise. Man kann den Laserprozeß auch anders, sachlicher und neutraler beschreiben, und dann hat er keine Ähnlichkeit mehr mit dem darwinistischen Denkmodell. Hakens Überzeugung, „daß die Darwinschen Regeln sowohl in der belebten als auch in der unbelebten Materie gültig sind", ergibt sich aus seinem Sprachgebrauch, nicht aber aus den Fakten, die man allemal auch anders - angemessener und sinnvoller - beschreiben könnte.
Dieses seltsame „Selbstorganisationsmodell" nach dem „Versklavungsprinzip" ist keine Erklärung für die komplexen Ordnungsprozesse in der Natur, und angesichts des faschistoiden Vokabulars von Hermann Haken kann man eigentlich nur noch ein Kreuz machen. Aus dieser Perspektive betrachtet, war die Hitlerdiktatur ein Akt der „Selbstorganisation" des deutschen Volkes. Aber das war sie nicht, im Gegenteil - sie zeigt statt dessen, was geschieht, wenn ein Volk sich eben gerade nicht selbst organisiert, sondern sich von Demagogen dummschwätzen läßt und seine politische Verantwortung an einen Wahnsinnigen delegiert.
Haken illustriert sein Modell mit einer Lithographie des Holländischen Grafikers Maurits Escher: zwei Hände, die sich gegenseitig zeichnen. Der Biochemiker Francisco Varela benutzte das gleiche Bild zur Erläuterung seiner Idee von der „Autopoiese", der „Selbsterschaffung" lebender Systeme. Wenn diese Zeichnung tatsächlich ein Beispiel für „Selbstorganisation" darstellen soll, dann ist sie eine Illusion - denn natürlich zeichnen sich diese beiden Hände nicht gegenseitig selbst. Ihre Entstehung läßt sich nur erklären, wenn man in eine höhere Dimension wechselt, wo sich ihr Schöpfer, der Grafiker Maurits Escher findet. Wenn man dieses Beispiel auf die Natur überträgt, so ist es wiederum nur als Bestätigung einer Schöpfungshypothese zu gebrauchen.
Alle sogenannten „Selbstorganisationsmodelle" erinnern fatal an die Geschichte vom Baron Münchhausen, der sich - samt Pferd - an seinem eigenen Zopf aus einem Sumpf gezogen hat. Oder an das amerikanischen Prinzip des „Bootstrapping", wo man sich an den eigenen Stiefelschlaufen in die Höhe zieht. Ich habe allerdings noch niemand gesehen, der das geschafft hat, und solange ich es nicht mit eigenen Augen sehe, bin ich auch nicht bereit zu glauben, daß soetwas möglich ist.
Tatsache ist, daß bislang noch niemand zeigen konnte, daß sich einfache Moleküle von alleine auf dem Weg der „Selbstorganisation" zu lebenden Zellen zusammensetzen - und auch hier bin ich erst bereit zu glauben, daß soetwas möglich ist, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe.
Moleküle setzen sich nicht von alleine zu Zellen, Zellen setzen sich nicht von alleine zu Organen und Organe nicht von alleine zu vielzelligen Organismen zusammen. Bei allen Ordnungsprozessen, die wir beobachten können, wird die Organisation immer von der höheren Integrationsebene aus gesteuert. Der Organismus baut sich aus Organen und Geweben auf, diese wiederum aus Zellen und diese wieder aus Molekülen - nicht umgekehrt. Von einer „zufälligen Selbstorganisation der Materie" kann keine Rede sein.
Allerdings erkennen spezialisierte Zellen - menschliche Hautzellen zum Beispiel - ihresgleichen wieder, verbinden sich miteinander und wachsen, sobald man sie in eine Nährlösung legt. Wenn man sie an speziell geformtem Stützgewebe entlangwachsen läßt, kann man, wie das vor einiger Zeit in den USA gemacht wurde, zum Beispiel ohrähnliche Gebilde zu Stande bringen. Aber daraufhin zu behaupten, man könne auf diese Weise auch ganze Organe oder Gliedmaßen, eine Leber oder einen Arm, im Reagenzglas, oder besser: Reagenzfaß züchten - das ist doch maßlos übertrieben.
Ein menschlicher Arm zum Beispiel besteht aus Knochen, Bändern, Muskeln, Nerven, Blutgefäßen, die alle zeitlich und räumlich ganz exakt koordiniert wachsen müssen - zu glauben, daß man etwas derartiges im Labor bewerkstelligen könnte, ist eine Illusion. Daß es bei der Embryonalentwicklung geschieht, ist für uns immer noch ein Wunder - das heißt, nicht mit chemischen und physikalischen Gesetzen allein erklärbar. Es ist nicht nur nicht nachvollziehbar, es ist noch nicht einmal richtig verstanden.
Daß eine komplexe höhere Ordnung so einfach mir nichts, dir nichts von selbst aus Unordnung oder einer Form von niederer Ordnung entstehen könnte, widerspricht sowohl der Logik, als auch der Erfahrung. Daß es, wie Hermann Haken meinte, „im Prinzip möglich sein sollte, auch die Vorgänge in der Biologie auf solche der Physik zurückzuführen", ist eine Illusion. Natürlich gibt es auch in der unbelebten Natur Ordnungsprozesse - zum Beispiel beim Kristallwachstum, oder bei von Wind oder Wellen geformten Sandriffeln, wenn sich beim Erhitzen von Wasser wabenförmige Strukturen bilden, oder bei bestimmten chemischen Reaktionen spiral- oder kreisförmige Muster. Aber bei all diesen Beispielen entsteht keine höhere Ordnung - es wird lediglich die in den chemischen Eigenschaften der Stoffe bereits vorhandene, „implizite" Ordnung gemäß den physikalischen Umweltbedingungen zum Ausdruck gebracht und damit zu einer „expliziten" Ordnung (um Begriffe des Physikers David Bohm zu gebrauchen) - nicht aber zu einer Höheren.
Diese Muster und Formen sind durch die Gesetze der Physik und Chemie ausreichend zu erklären - die Formen und Muster von Lebewesen hingegen nicht. Alle Lebewesen benutzen die gleichen Grundstoffe für den Aufbau ihrer Körper - aber alle sind verschieden, auch unter gleichen Umweltbedingungen im gleichen Lebensraum. Sie alle halten sich selbstverständlich an die Naturgesetze, an die Regeln der Physik und Chemie, ebenso wie ein Ingenieur, der ein Auto baut. Aber ebensowenig wie beim Auto ist ihre Entstehung und Formbildung allein durch die chemischen und physikalischen Naturgesetze zu erklären. Und schon gar nicht ihre erstaunlichen Verwandlungen im Verlauf der Evolution.
Neue Denkmodelle sind nötig
Der „Darwinismus" kann die Evolution nicht erklären, er ist ein lebendes Fossil, ein Relikt aus der Postkutschenzeit, das schon lange reif ist fürs Museum. Ein Denkmodell, nicht einmal eine Theorie, das die Forschung lähmt und den Fortschritt der Wissenschaft blockiert, eine Doktrin, die, selbst ein Irrtum, die Menschen in die Irre geführt hat - und immer noch führt. Begriffe wie „Mythos" oder „Doktrin" wurden übrigens auch von namhaften Naturwissenschaftlern auf den „Darwinismus" angewendet, zum Beispiel von Pierre Grassé und Antonio Lima-de-Faria.
Daß Darwin „Darwinist" war, kann man ihm verzeihen. Die Zeit war reif für ein mechanistisches Evolutionsmodell, als Ausgleich für die jahrhundertelange Überbetonung des Übernatürlichen. Seit Descartes galt das Tier als eine Maschine, und seit Lamettrie auch der Mensch. Und die Maschinen des 19. Jahrhunderts waren Kraft-und-Stoff-Maschinen, sie setzten Materie in Energie um, und die Energie dann auf mechanischem Wege in Arbeit.
Das Komplizierteste, was Darwin kannte, waren mechanische Geräte und Dampfmaschinen. Mit den einfachen Lichtmikroskopen, die den Wissenschaftlern zur Verfügung standen, konnte man gerade eben erkennen, daß Pflanzen und Tiere aus Zellen bestanden, Einzelheiten waren nur schwer zu erkennen. Darwin wußte nur einen winzigen Bruchteil von dem, was wir heute wissen. Und er war, wie alle Menschen, von den Vorlieben und Abneigungen, den Urteilen und Vorurteilen seiner Zeit geprägt. Aber es waren andere Zeiten als heute.
Darwin sah um sich herum „das plumpe, verschwenderische, stümperhaft niedrige und entsetzlich grausame Wirken der Natur."
Wir sehen heute, dank jahrzehntelanger intensiver Forschung, dank Elektronenmikroskop und dreidimensionalen Computeranimationen, die Natur anders. Wir bewundern ihre Intelligenz, ihre Ökonomie, ihre wohlorganisierten Ökosysteme, ihre genialen Erfindungen und Technologien, die wir zu begreifen und, so gut es geht, nachzuahmen versuchen.
Wir haben ein anderes Bild der Natur, weil wir von anderen Maschinen umgeben sind. Wir arbeiten mit Informationsmaschinen und Informationsgeräten, wo die „Software" ebenso wichtig ist, wie „Hardware" und Energie, oder „Kraft und Stoff" - um es mit den Worten des 19. Jahrhunderts zu sagen.
Darwin hatte keine Ahnung davon, was Software ist - Information war für ihn noch kein Thema. Aber wir sehen die Lebewesen in der Natur und uns selbst heute nicht mehr als mechanische Maschinen, sondern als informationsverarbeitende Systeme. Für unsere Zeit ist eine rein materialistisch-mechanistische Betrachtung des Natur und des Lebens nicht mehr angemessen. Die heutige Naturwissenschaft ist materialistisch orientiert - nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Tradition. Traditionen sind manchmal nützlich, manchmal sind sie eine Zwangsjacke oder zumindest ein Hemmschuh - vor allem, wenn es um neue Denkmodelle geht. Viele Wissenschaftler haben eine Heidenangst vor allem, was sich jenseits der Grenzen von Physik und Chemie befindet. Schon allein das Wort „Metaphysik" bringt ihren Adrenalinspiegel in den roten Bereich. Aber wenn man diesen Begriff einmal nüchtern ansieht und nicht mit Okkultismusängsten befrachtet, dann wird deutlich, daß er auch etwas bezeichnet, womit wir heute ganz selbstverständlich umgehen: nämlich das, was wir als Information oder „Software" bezeichnen. Information ist immer „meta-chemikalisch" in Bezug auf den Informationsträger, „Software" immer „meta-physikalisch" in Bezug auf die „Hardware".
Information läßt sich durch Physik und Chemie nicht messen, nicht beschreiben und schon gar nicht erklären. Was nützen mir Ohm und Volt, Watt und Dezibel, wenn es darum geht ein Fernseh- oder Computerprogramm zu beschreiben? Aber sie ist deshalb nicht weniger wirklich und nicht weniger wirksam. Eine Wissenschaft, die am Beginn des Informationszeitalters immer noch ausschließlich Kraft und Stoff gelten läßt, ist auf dem Stand von Vorvorgestern. Aber nicht aus Notwendigkeit, sondern - ja aus was? Aus Angst? Aus Trägheit? Aus Gewohnheit?
Gewohnheiten kann man ändern. Trägheit kann man überwinden, Angst ist therapierbar. Wissenschaft könnte ja zur Abwechslung auch einmal „fröhlich" sein. So wie es Friedrich Nietzsche vorgeschlagen hat, der meinte: „Daß allein eine Weltinterpretation im Rechte sei (...) die Zählen, Rechnen, Wägen, Sehn und Greifen und nichts weiter zuläßt, das ist eine Plumpheit und Naivität - gesetzt, daß es keine Geisteskrankheit, kein Idiotismus ist."
Wir stehen an der Schwelle des 3. Jahrtausends, wir waren auf dem Mond und fliegen in absehbarer Zeit zum Mars, wir surfen glasfaserverkabelt im globalen Informationspool und lassen unsere Autos von computergesteuerten Industrierobotern bauen - und wir schleppen immer noch ein Evolutionsmodell aus dem Dampfmaschinenzeitalter mit uns herum. Aber wir haben andere Perspektiven und auch andere Probleme, als das Dampfmaschinenzeitalter, und wir brauchen andere Denkmodelle, um sie zu lösen.
Wir brauchen neue Denkmodelle, die auch diese dritte Komponente, die Information mit einbeziehen. Wir brauchen außerdem Denkmodelle, die nicht Konfrontation und Kampf betonen, sondern Kooperation und Symbiose. Diese Aspekte sind in der Natur wesentlich wichtiger, als Kampf und „survival of the fittest".
Niemand weiß zur Zeit wirklich, wie und warum die Evolution ablief. „The mechanism of evolution is not known", schrieb der schwedische Genetiker Lima-de-Faria. Kein Wissenschaftler, der ehrlich ist, wird heute eine andere Antwort geben. Wir müssen jetzt neue Denkmodelle erarbeiten. Denkmodelle, die davon ausgehen, daß nicht Kampf, sondern Kooperation - für deren Wirken es inzwischen eine Unmenge an Material aus der Naturbeobachtung gibt - das wichtigste Element der Evolution ist. Die ferner davon ausgehen, daß nicht Fortpflanzungsmaximierung, sondern situationsbezogene Selbstbegrenzung - auch dafür gibt es inzwischen eine Fülle von Beweismaterial - das normale und übliche Verfahren in der Natur ist und die schließlich eine ganzheitliche Sicht einnehmen, die auch Elemente wie Information, Kommunikation und Vernetzung berücksichtigt, die beim Zusammenleben der Lebewesen in der Natur eine ganz wesentliche Rolle spielen.
Es ist weder sinnvoll, zu Moses und dem biblischen Schöpfungsmythos zurückzukehren, noch krampfhaft an Darwin festzuhalten.
Die ursprüngliche Darwinsche Auffassung steht im Widerspruch zur Logik und den beobachtbaren Tatsachen, und an sie „glaubt heute sowieso kein ernsthafter Biologe mehr" (Zitat aus dem Brief eines Biologen). Die heute gängige neodarwinistische Auffassung ist eine völlig verwässerte Sammlung von Allgemeinplätzen und Binsenweisheiten, eine Mogelpackung, auf der zwar noch Darwin draufsteht, aber so gut wie gar kein Darwin mehr drin ist. Mit ihren Zauberworten „Mutation" und „Selektion" erklärt sie alles - und damit nichts.
Ein paar zufällige Fehler beim Kopieren von Erbinformation, und Hokuspokus Schwuppdiwupp - die Würmer sind Fische geworden. Noch ein paar zufällige Kopierfehler - Hokuspokus Schwuppdiwupp: die Fische haben Beine bekommen und wandern übers Land. Hokuspokus Schwuppdiwupp - die Beine sind verschwunden und es entsteht eine Schlange. Aus klein wird groß, aus groß wird klein, aus langsam schnell, aus schnell langsam, aus ungiftig giftig, aus Beinen Flossen, aus Flossen Beine - Hokuspokus, Schwuppdiwupp. Weil sie alle einen Überlebens- oder Selektionsvorteil bieten, auch wenn sie das genaue Gegenteil darstellen, bleiben diese Merkmale erhalten. Über allem schwebt seine Majestät der Zufall, der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden, der große Erfinder der Photosynthese und der Lungenatmung, der Mücken und der Elefanten, der Saurier und der Saprophagen. „So einfach ist das - und alles im Sinne von Darwins genialer Theorie." Ja sicher - wenn man Naturwissenschaft auf einem Kindergartenniveau betreibt. Denn allenfalls Kindergartenkinder würden sich mit derart plumpen Erklärungen noch zufrieden geben.
Der amerikanischen Philosoph Ken Wilber bezeichnet in seinem Buch „Eros, Kosmos, Logos" - in dem er eine sehr lesenswerte (und ganz undarwinistische) Evolutionsphilosophie zur Diskussion stellt - die Art von Antwort, die der wissenschaftliche Materialismus und der Neodarwinismus auf die Frage nach dem Wesen der Evolution gibt, als „Philosophie des ‘Hoppla!’ Das Universum ereignet sich ganz einfach und es steckt nichts dahinter; alles ist letztlich beliebig und zufällig, es ist halt, es geschieht einfach - ‘Hoppla’". Und diese „Philosophie" stellt seiner Ansicht nach „so ungefähr das Infantilste an Reaktion dar, was überhaupt menschenmöglich ist".
In der Tat: was, außer Überheblichkeit und Dummheit, hindert uns daran, an die Existenz einer höheren, schöpferischen Intelligenz zu glauben? Wollen wir wirklich annehmen, daß der Mensch das höchste an Intelligenz ist, was der Kosmos im Verlauf seiner Evolution hervorbringen konnte? Wenn wir die Natur betrachten, finden wir viele verschiedene Intelligenzformen, die unter dem Menschen stehen - sollten wir da nicht auch annehmen können, daß es mindestens ebenso viele gibt, die über ihm stehen? Ist dieser Gedanke nur deshalb abwegig, weil wir diese Intelligenz nicht messen und wägen können, oder weil sie nicht wie ein Biologieprofessor aussieht und öffentliche Vorträge hält zum Thema: „Wie ich den Kosmos und die Evolution erschuf"?
Ich glaube nicht, daß die Bakterien, die unseren Darm besiedeln, begreifen, was wir denken und tun. Aber vielleicht gibt es unter ihnen auch einige materialistische Bakterienwissenschaftler, die meinen: „Der gesamte Kosmos liegt im Darm" und die Existenz von Menschen für einen Mythos halten. Wenn es aber - wovon ich überzeugt bin - eine höhere, schöpferischen Intelligenz gibt, die für die Evolution verantwortlich ist, dann wird sie vermutlich noch weiter von uns entfernt sein, als wir von unseren Darmbakterien. Es ist müßig, sie mit unserem Verstand begreifen zu wollen. Wenn es einen Weg gibt, ihr zu begegnen, dann ist es der Mystische. Aber auch für den, der diesen Weg noch nicht gegangen ist, und den Aussagen derer, die ihn gingen, nicht vertraut, ist die Existenz dieser höheren Intelligenz meiner Meinung nach eine Denknotwendigkeit.
Bei der Entwicklung der Lebewesen im Verlauf der Evolution, bei der Formbildung einzelner Individuen und bei der Embryonalentwicklung wird eine enorme Organisationsleistung erbracht, die einfach ein hohes Maß an Intelligenz voraussetzt. Da eine solche Intelligenz nicht einfach mysteriöser Weise aus dem Nichts auftauchen kann, muß sie irgendwo angesiedelt sein. Und da haben wir entweder die Möglichkeit, sie in die Gene, das heißt in Moleküle, oder allgemeiner gesagt, in die Materie zu verlegen, wie es die materialistischen Wissenschaftler und die Darwinisten tun - oder aber auf eine höhere, geistige Ebene.
Um die Annahme dieser Intelligenz kommen wir nicht herum - aber was ist sinnvoller: intelligente Materie oder intelligenter Geist? Ich plädiere für den Geist - solange mir niemand auf glaubwürdige Weise erklären kann, wo bei Atomen oder Molekülen eine Intelligenz sitzen soll, die der des Menschen noch um ein Vielhundertfaches überlegen ist.
Der Zoologe Adolf Portmann schrieb (in: Zoologie und das neue Bild vom Menschen): „Die klaren Gestalten, die um uns leben, sie sind die Zeugen der Gestaltungen, welche größer sind als das auf Erden sichtbare."
Jean-Henri Fabre (1823 -1915), der große Erforscher der Insektenwelt, sagte über die erstaunlichen Formen und Fähigkeiten seiner Beobachtungsobjekte: „Eine solche Ordnung im Lebenslauf soll aus dem Chaos entstehen, ein solches Wissen aus der Tollheit? Je mehr ich sehe, je mehr ich beobachte, um so mehr leuchtet die Intelligenz hinter dem Geheimnis der Dinge." Und von ihm stammt auch das Bekenntnis: „Ich glaube nicht an Gott - ich sehe ihn."
Daß es sich dabei nicht um einen alten Mann mit weißem Bart handelt, darüber müssen wir, glaube ich, heute nicht mehr diskutieren.
Obwohl sich noch vieles sagen ließe, möchte ich meine Ausführungen hier ersteinmal beenden. Ich habe im Vorangehenden notwendigerweise vieles weglassen, verkürzen und vereinfachen müssen. Wer sich für das Thema interessiert und mehr Details wissen und eine gründlichere Argumentation haben möchte, dem empfehle ich, mein Buch „Das Darwin- Komplott" zu lesen.
 
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