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Die Alchemie des Geldes Die wahre Bedeutung von Geld Flie▀endes Geld und Heilung des sozialen Organismus
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Heike G÷rner
Die wahre Bedeutung von Geld
Ganzheitliche Thesen von Bernard Lietaer, einem etablierten Banker, zum Thema Geld
 
Siehe auch Interview mit Bernard Lietaer:
" Wie Geld nachhaltig wird"
Isis und Horus

Hintergrund von Bernard Lietaer
Bernard Lietaer war Präsident des elektronischen Zahlungssystems von Belgien. Eine seiner ersten Aufgaben bei der belgischen Zentralbank bestand in der Entwicklung und Einführung des ECU (European Currency Unit) Ende der Siebziger Jahre. Bernard Lietaer war zudem Direktor und Devisenhändler eines der größten und erfolgreichsten Offshore-Devisenfonds. Auf dem Gebiet der Währungspolitik bzw. -bewirtschaftung stand er einigen Entwicklungsländern beratend zur Seite. In seiner Geburtsstadt Leuven in Belgien lehrte Lietaer an der dortigen Universität "Internationale Finanzwirtschaft". Zur Zeit lebt Bernard Lietaer in Kalifornien und hält an der University of California in Berkeley eine Gastprofessur. Als einer von ganz Wenigen in der Finanzwelt kann Lietaer aus dem vollen Repertoire seiner praktischen Erfahrungen auf nahezu allen entscheidenen Gebieten des Themenkomplexes "Geld und Währungen" schöpfen. Gerade diese Eigenschaft macht Bernard Lietaer zu einem Wissenschaftler und Prakmatiker, bei dem es sich lohnt, zuzuhören. 
Gier und die Angst vor Knappheit
Während in Wirtschaftsfachbüchern behauptet wird, daß Menschen und Firmen für mehr Weltmarktanteile und Rohstoffe im Wettbewerb stehen, behauptet Bernard Lietaer, daß sie in Wirklichkeit für höhere Profite kämpfen und Weltmarktanteile und Rohstoffe nur dafür benutzen. Gier und die Angst vor Knappheit werden für Bernard Lietaer durch das jetzt praktizierte Geldsystem ständig erzeugt und vergrößert. Er führt als Beispiele an, daß man mehr als genug Nahrungsmittel für alle Menschen produzieren kann und es außerdem ganz ohne Zweifel genug Arbeit für jeden einzelnen gibt. Was wirklich knapp ist, ist das Geld, um dies alles zu bezahlen. Somit liegt die Knappheit nach Ansicht von Bernard Lietaer in den nationalen Währungen selbst. Tatsächlich ist es die Aufgabe der Zentralbanken, diese Geldknappheit zu produzieren und aufrechtzuerhalten. Die Folge ist, daß alle gegeneinander kämpfen müssen, um zu überleben. Geld wird geschaffen, wenn Banken es beschließen. Lietaer führt dazu folgendes Beispiel an: Wenn die Bank an einen Kunden einen Kredit von 100.000 Dollar gibt, ist dies nur der Teil, den der Kunde ausgibt und der dann in der Wirtschaft zirkuliert. Die Bank erwartet aber vom Kunden, daß er im Laufe der nächsten 20 Jahre für diesen Kredit 200.000 Dollar zurückzahlt, kreiert jedoch diese zweiten hunderttausen Dollar - die Zinsen - nicht selbst. Statt dessen schickt die Bank den Kunden in die feindliche Welt, um gegen jeden zu kämpfen, damit der Kunde die zweiten hunderttausend Dollar erarbeitet. 
"Es müssen die einen verlieren, damit andere gewinnen. Einige müssen Schulden machen, damit andere Zinsen erhalten". 1
Wenn also Banken die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden überprüfen, prüfen sie in Wirklichkeit, ob die Kunden in der Lage sind, gegen andere Menschen zu kämpfen und den Wettbewerb zu gewinnen, ob sie es schaffen, die zweiten hunderttausend Dollar aufzutreiben, die nicht von der Bank geschaffen wurden. Und wenn die Kunden es nicht schaffen, verlieren sie ihr Haus oder was immer sie sonst an Sicherheit angegeben haben. 
Lietaer stellt folgende Frage: "Wollen Sie 100 Dollar jetzt oder in einem Jahr?" Die meisten Menschen würden sagen: "Jetzt", weil man dieses Geld risikolos auf die Bank bringen kann und dann etwas 110 Dollar ein Jahr später kassiert. Anders ausgedrückt: Wenn man jemandem 100 Dollar in einem Jahr anbieten würde, entspräche dies einem Barwert von etwa 90 Dollar heute. Das bedeutet, daß es bei dem jetzigen Geldsystem Sinn macht, Bäume zu fällen und das Geld auf die Bank zu bringen. Das Geld in der Bank "wächst" schneller als die Bäume. Es macht Sinn, schlecht isolierte Häuser zu bauen, weil die Kosten des zusätzlichen Energieverbrauchs niedriger sind als die bessere Isolierung. Man "spart" also Geld. 
Geld ist wie Dünger. Es ist nur gut, wenn es verteilt wird
Lietaer stellt ein Geldsystem mit gegenteiliger Wirkung vor. Es würde ein langfristigeres Denken und Handeln bewirken durch etwas, was Lietaer als "Vorhaltekosten" oder "Nutzungsgebühr" bezeichnet. Die Vorhaltegebühr ist ein Konzept, das Silvio Gesell vor etwa 100 Jahren entwickelt hat. Seine Idee war, daß Geld ein öffentliches Gut ist - wie das Telefon oder der Busverkehr - und daß für die Benutzung ein kleine Gebühr bezahlt werden muß. Mit anderen Worten, es wird eine negative statt positive Zinsrate geschaffen.
Lietaer stellt zur Erläuterung dieses Konzepts folgende Frage: "Wenn ich Ihnen 100 Dollar geben würde und Ihnen sagte, daß Sie am Ende eines Monats 1 Dollar bezahlen müßten, damit Ihr Geld gültig bleibt, was würden Sie tun?" Die Antwort wäre klar: Man würde versuchen, es irgendwo zu investieren. Für Lietaer ist Geld wie Dünger, es ist nur gut, wenn es verteilt wird. In dem System von Silvio Gesell würden Menschen Geld nur als Tauschmittel verwenden, aber nicht zur Anhäufung von Reichtümern. Dadurch würde Arbeit entstehen, weil es den Geldumlauf beschleunigen würde, und es würde den Anreiz für kurzfristige Investitionen umkehren. Anstatt Bäume zu fällen und das Geld in die Bank zu bringen, würde man das Geld lieber in Baumpflanzungen stecken und eine gute Isolierung in sein Haus einbauen lassen. 
Das Geld-System von Silvio Gesell in der Vergangenheit
Für die Vergangenheit führt Lietaer drei Epochen an, in denen ein System ähnlich dem von Silvio Gesell bereits vorherrschte: Das klassische Ägypten, etwa dreihundert Jahre im europäischen Mittelalter und einige wenige Jahre um 1930.
Im alten Ägypten bekam jemand, der Getreide lagerte, einen Gutschein, der eingetauscht werden konnte und damit eine Art Währung bildete. Wenn man nach einem Jahr mit zehn Gutscheinen zurückkehrte, bekam man nur Getreide im Wert von neun Gutscheinen, weil Ratten und Plünderung den Vorrat verringerten und weil die Wächter des Getreides bezahlt werden mußten. Dies wirkte wie eine Art Liegegeld. Ägypten war damals der Brotkorb der antiken Welt, denn anstelle der Aufbewahrung des Reichtums in Form von Geld, investierte jedermann in produktive Anlagen, die ihren Wert nicht verloren, - so wurden z. B. Leistungen wie Landverbesserung im großen Stil durchgeführt oder Bewässerungssysteme gebaut.
Der Beweis, daß dieses Geldsystem etwas mit dem Wohlstand zu tun hatte, liegt für Lietaer darin, daß alles sofort beendet war, als die Römer diese Getreidewährung mit ihrer eigenen römischen Geldwährung, bei der es positive Zinssätze gab, ersetzten. Ägypten hörte bald auf, die Kornkammer der Welt zu sein und wurde zu einem Entwicklungsland, wie so etwas heute genannt wird.
In Europa im Mittelalter vom 10. bis 13. Jahrhundert wurden lokale Währungen von den Fürsten ausgegeben und dann immer wieder eingezogen und, versehen mit einer Steuer, neu herausgegeben. Auch dies war eine Art von Liegegeld (Vorhaltegeld), so daß es unattrakiv war, Geldreichtum anzuhäufen. Das Ergebnis war ein Aufblühen der Kultur, ein allgemeiner Wohlstand, der genau in der Zeit herrschte, als lokale Währungen verwendet wurden. Praktisch alle Kathedralen wurden in dieser Zeit gebaut. Erzählungen aus dem 12. Jahrhundert berichten, daß z. B. die Wartung von Mühlen und anderen Produktionsstätten auf einem solch hohen Niveau stand, daß mit der Erneuerung von Teilen begonnen wurde, bevor sie kaputt gingen. Neueste Forschungen haben ergeben, daß die Lebensqualität für Handwerker in Europa im 12. und 13. Jahrhundert am höchsten war, wahrscheinlich sogar höher als heute. Wenn man keine Ersparnisse in Form von Geld bilden kann, investiert man es in etwas, das Werte in der Zukunft bildet. Lietaer führt diese Geldform als die Quelle des im Mittelalter vorherrschenden unglaublichen Wohlstands an. 
Der Archetypus der Großen Mutter
Schwarze Madonna
Lietaer erklärt das Wirtschaftsystem der lokalen Währungen im Mittelalter mit dem Archetypus der großzügigen Mutter. Interessanterweise erlangte gerade in dieser Zeit ein religiöses Symbol eine große Bedeutung: Die berühmte schwarze Madonna. Es gab hunderte von diesen Madonnen im 10. bis 13. Jahrhundert, die ursprünglich Statuen der Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus im Schoß waren. Diese Figuren wurden von den ersten Kreuzrittern direkt aus Ägypten importiert. Ihr spezieller waagrechter Stuhl wurde cathedra genannt (daher kommt auch der Name Kathedrale) und interessanterweise war es gerade dieser Stuhl, der im alten Ägypten das Symbol für Isis war. Die Statuen der schwarzen Madonna wurden im Mittelalter auch identifiziert mit der Alma Mater, der "Großzügigen bzw. Großen Mutter"", ein Ausdruck, der auch heute noch in vielen Ländern für die Universität gebraucht wird. Die schwarzen Madonnen waren direkte Nachfolgerinnen der Großen Mutter in einer ihrer ältesten Formen. Sie symbolisierte Geburt und Fruchtbarkeit. Sie vertritt das Grundgefühl des Reichtums und des Überflusses, der Geborgenheit und Gewißheit, versorgt zu sein. Sie unterscheidet sich damit grundlegend von der durch Knappheit, Verlorenheit und Angst geprägten Stimmung des patriachalen Kapitalismus. Sie symbolisiert den Geist, der in der Materie inkarniert war, bevor die patriarchalen Gesellschaften die Materie und den Geist voneinander trennten. 
Für Lietaer gibt es hier eine direkte archetypische Verbindung zwischen zwei Kulturen, die beide ein Geldsystem mit Nutzungsgebühren verwendeten und damit einen ungewöhnlichen Wohlstand für alle Menschen erzeugten: das alte Ägypten und das Europa des 10. bis 13. Jahrhunderts. Die Verwendung dieses Geldystems korrespondiert nach Lietaers Ansicht genau mit der Verehrung des gleichen Archetyps.
Seiner Ansicht nach versetzte die Erfindung des Schießpulvers im frühen 14. Jahrhundert die Fürsten in die Lage, ihre Macht zu zentralisieren.Das erste, was sie taten, war das Monopol des Geldsystems durchzusetzen. Es wurden keine Kathedralen mehr gebaut, der Anreiz für langfristige Investitionen war verlorengegangen. 
Es ist paradox, daß genau in der Zeit des angeblichen Machthöhepunktes des Christentums in Europa, in der ja der Archetyp der Großen Mutter unterdrückt wurde, die Lebensqualität am höchsten war und die schwarze Madonna verehrt wurde. Neuere Geschichtsforschungen haben aber ergeben, daß das Mittelalter nicht dunkel und grausam war. Wie oben beschrieben war es eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Interessanterweise ist es auch - entgegen der Meinung, die sich im Bewußtsein des Menschen heute festgesetzt hat - falsch, daß im Mittelalter die Kirche die Macht und somit das Sagen hatte. Die wahrhafte "Machtergreifung" der Kirche fand erst Anfang / Mitte des 14. Jahrhunderts statt - die gleiche Zeit, die Lietaer als Machtergreifung der Fürsten und somit den sozialen und kulturellen Niedergang angibt.
Wenn man sich die Mühe macht, bei mittelalterlichen Städten herauszufinden, welche Bauwerke den kulturellen Mittelpunkt darstellten, wird man feststellen, daß dies nicht unbedingt die Kirche war (oft erst ab Mitte des 14. Jahrhunderts), sondern meist eine (Ritter- oder Tempelritter) Burg, deren Platz später eine Kirche einnahm. Die Kathedralen, die in der Blütezeit des Mittelalters gebaut wurden, waren wahrscheinlich Werke von den aus Jerusalem heimkehrenden Tempelrittern. Sie wurden erst später von der Kirche "übernommen" (vgl. hierzu Dr. Sonja Klug: Die Kathedrale von Chartres und ihre Geheimnisse, Tattva Viveka Nr. 9). Die Städtegründungen wurden meist von Bürgern initiiert, Handwerker haben mehr verdient und weniger gearbeitet als es heute der Fall ist.
Das sogenannte "dunkle" Mittelalter existierte nicht im historischen Mittelalter, sondern fand ihren Anfang kurz vor Beginn der Renaissance, in welcher die Inquisition ihren Höhepunkt hatte.
Die Bedeutung des kollektiven Unterbewußten und die Unterdrückung der Archetypen
Lietaers Theorie der Knappheit als unerläßliche Bedingung für das weltweit existierende Wirtschaftssystem basiert auf C.G. Jungs Theorie der kollektiven Psychologie. 
Jung hatte bei seiner praktischen Arbeit festgestellt, daß bei seinen Patienten in den Sitzungen immer gleiche Inhalte und Verhaltensweisen im Unterbewußtsein verankert waren. Daraus schloß er, daß eine die individuelle Psyche überschreitende Dimension des Unterbewußten existierte - das "kollektive" Unterbewußte. Dabei tauchten wiederholt mythologische Motive auf, die unabhängig von Bildung und Erziehung des Einzelnen die gleichen waren - die sogenannten Archetypen.
Nach Jung können die Archetypen als Grundstrukturen menschlicher Erfahrung definiert werden, deren Wirkung sich analog zu den ihnen entsprechenden Situationen des menschlichen Lebens entfaltet. Wenn ein bestimmter Archetyp allerdings unterdrückt wird, tauchen zwei Schattenwesen auf, die Antipoden zueinander sind. Man kann es auch so formulieren: Ein Archetyp vereinigt alle Aspekte - die negativen wie die positiven - des Motives, welches er  repräsentiert. 
Im Falle des Archetyps der Großen Mutter sind die typischen Eigenschaften
"(...) das Mütterliche schlechthin, die magische Autorität des Weiblichen; die Weisheit und die geistige Höhe jenseits des Verstandes; das Gütige, Hegende, Tragende, Wachstum, Fruchtbarkeit und Nahrung Spendende; die Sätte der magischen Verwandlung, der Wiedergeburt (...); das Geheime, Verborgene, das Finstere, der Abgrund, die Totenwelt, das Verschlingende, Verführende und Vergiftende, das Angsterregende und Unentrinnbare." 2
Wenn also die Schatten des Unterbewußtseins nicht integriert werden, wenn nicht der Archetyp in seiner Ganzheit angenommen wird, manifestiert sich dieser Schatten - allerdings verzerrt, weil er gewaltsam unterdrückt und dadurch auch gewaltsam wieder erscheint - in der materiellen Welt. 
Nach Lietaers Auffassung ist genau dies auch der Fall. Der Archetyp der Großen Mutter wurde seit Beginn der bekannten Menschheitsgeschichte, seit 6000 Jahren, gewaltsam unterdrückt. Dies begann im Westen mit der indo-germanischen Völkerwanderung, verstärkt durch die Anti-Göttin-Haltung im Juden-und Christentum mit Höhepunkten in drei Jahrhunderten Hexenverfolgung bis hin zur Viktorianischen Epoche.
Der manifestierte Schatten in der Gesellschaft ist aufgrund des langen Zeitraums der Unterdrückung gewaltig. Die Schatten der Großen Mutter manifestieren sich nach Lietaers Theorie als Gier und Angst vor Knappheit (und nach meiner Auffassung auch noch als verzerrtes Extrem am anderen Ende der Achse der Eigenschaften des Archetyps der Großen Mutter: als materieller Überfluß, von dem man nahezu erstickt wird).
Jemand, der den Archetyp der Großen Mutter darstellt, d.h. ihn in seiner Persönlichkeit erkannt und integriert hat, der vertraut auf die Fülle des Universums; nur derjenige, der kein Vertrauen hat, braucht ein dickes Bankkonto. 
"Der erste Mensch, der damit begonnen hat, als Schutz gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft eine Menge Güter anzuhäufen, mußte damit automatisch seinen Besitz gegen den Neid und die Bedürfnisse anderer Menschen verteidigen. Wenn eine Gesellschaft Angst vor Knappheit hat, wird sie eine Atmosphäre schaffen, in der die Ängste wohlbegründet sind. Es handelt sich hier um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung." 3
Der Vorwand für Kommunikation
Die Angst vor Mangel, die Folge unseres Geldsystems, erzeugt Gier und das Horten von Geld. Dadurch wird dem Geldkreislauf Geld entzogen, was wiederum Knappheit und somit Mangel nach sich zieht (siehe auch  Fließendes Geld und Heilung des sozialen Organismus). Dieser fatale Teufelskreis, der unermäßlichen Reichtum auf der einen und Armut auf der anderen (90% der Menschen betreffenden, siehe auch Die Kassen sind leer, wo ist das Geld?) Seite erzeugt, hat noch eine andere, zwischenmenschliche Folge. Es setzt neben dem Mangel an Geld auch der Mangel an Kommunikation ein. 
In einem Geldsystem, welches im Gegensatz dazu auf Fülle und Freigiebigkeit basiert, kann es somit kein Horten und keinen Mangel geben. Diese Idee des Gebens statt des Nehmens werden nach Lietaer in einer Gemeinschaft gelebt. Das Wort Gemeinschaft (communitiy) kommt aus dem Lateinischen. "munus" bedeutet "Geschenk" und "cum" bedeutet "zusammen, miteinander". Somit heißt Gemeinschaft im ureigensten Sinne "untereinander schenken".
Dies ist auch die Philosophie, die hinter dem Gedanken der lokalen Währungen steht: Sie erleichtern den Austausch von Geschenken.
Lokale Währungen wurden, wie oben beschrieben, initiiert, um Beschäftigung zu erzeugen, wohingegen nach Lietaers Beobachtungen heute auch lokale Währungen vor allem deswegen gegründet werden, um Gemeinschaft zu bilden.
"Zum Beispiel würde ich mir sehr sonderbar vorkommen, wenn ich einen Nachbarn am Ort anrufen und zu ihm sagen würde: Ich habe bemerkt, daß Sie viele Birnen an Ihren Bäumen haben. Kann ich sie holen? Ich hätte das Gefühl, daß ich eine Gegenleistung anbieten müßte. Doch wenn ich ihm meine knappen Dollars anbieten würde, könnte ich ebensogut gleich in den Supermarkt gehen; im Endeffekt würden seine Birnen nicht verwendet. Wenn ich aber eine lokale Währung habe, gibt es keine Knappheit im Tauschmittel; so gesehen sind die Birnen ein Vorwand, miteinander zu kommunizieren." 4
Natürlich muß bei einer lokalen Währung gewährleistet sein, daß die menschlichen Grundbedürfnisse wie z.B. Nahrung und Unterkunft befriedigt werden können. Lietaer sieht in dieser Hinsicht keine Probleme. Denn es findet sich immer jemand, der gerne gärtnert und im normalen Wirtschaftssytem arbeitslos wäre. Seine Gartenprodukte würden mit lokaler Währung bezahlt werden, die der Käufer, durch Anbieten anderer Dienste, auch erwerben könnte. Hier zeigt  sich schon bald, was lokal ist und was nicht. Ein großer Supermarkt wird nur "Dollars" akzeptieren, der "Tante Emma-Laden" nimmt aber genausogerne lokale Währung an. Diese Währung kann genausogut in Stunden verrechnet werden, wie dies Tauschringe praktizieren.
In Frankreich gibt es beispielsweise etwa 300 Tauschringe, die "grain de sel" (Salzkorn) genannt werden. Sie wurden gegründet, als die Arbeitslosenquote bei 12% lag und erleichtern den Austausch von allen möglichen Dingen, von der Miete bis zu organischen Produkten (siehe auch Tauschringe). Alle zwei Wochen gibt es in Ariège, in Südwestfrankreich, ein großes Fest. Die Menschen kommen nicht nur deshalb zusammen, um mit Käse, Früchten oder Kuchen zu handeln, sondern auch um Stunden auszuhandeln für Klempnerarbeiten, Haarschnitte, Segel- oder Englischunterricht, die ausschließlich mit lokaler Währung zu bezahlen sind. Es gibt somit keinen Mangel an Geld und Arbeit, was nicht heißt, daß die Währung unbegrenzt ist. Niemand hat 500.000 Stunden zu vergeben. So gibt es eine natürliche Begrenzung, aber keine künstliche Knappheit. Anstatt im Wettbewerb gegeneinander zu kämpfen hilft dieses System zu kommunizieren und zu kooperieren.
Somit gewinnen kleine, lokale Einheiten wieder mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit und so auch ihr kulturelles Leben zurück. 
Lietaer sieht lokale Währungen als ergänzende Währung im Geldsystem, die den Weg zur lokalen Nachhaltigkeit ebenen.
Lokale Währung als Pufferzonen gegen Instabilität das globale Währungssytem
Lietaer führt aus, daß die heutige Geldordnung kaum noch etwas mit der realen Wirtschaft zu tun hat. 1995 betrug der Tagesumsatz der ausgetauschten Währungen weltweit die Summe von 1,3 Billionen (1300 Mrd) US-Dollar, was 30 mal mehr als das tägliche Bruttosozialprodukt aller entwickelten Länder der Welt zusammen ist.
"Das jährliche Bruttosozialprodukt der USA wird auf den Finanzmärkten in drei Tagen erreicht. Von diesem Volumen werden nur zwei bis drei Prozent für die reale Wirtschaft (Handel, Investitionen usw.) benötigt. Der Rest wird verschwendet im Spekulationsgeschäft des globalen Cyber-Casinos. Die reale Wirtschaft wurde degradiert zu einer reinen Dekoration auf dem Spekulationskuchen." 5
Desweiteren zeigt  Lietaer auf, daß die Regierungen keine Macht mehr haben und das wirtschaftliche wie politische Geschehen von den Finanzmärkten regiert wird. Wenn eine Regierung etwas beschließt, was den Finanzmäkten nicht gefällt, setzt einfach eine Finanzkrise in der betreffenden Währung ein wie 1991 bei den Briten, 1994 bei den Franzosen und 1995 bei den Mexikanern.
"Ein paar hundert Menschen, die weder gewählt wurden noch irgendeine kollektive Verantwortung tragen, entscheiden u.a., wie viel Ihr Pensionsfond wert ist." 6
Eine 50/50 Chance sieht Lietaer, daß dieses labile Spekulationsgebäude in den nächsten fünf bis zehn Jahren einstürzen wird. Selbst wenn in dieser Krisensituation alle Zentralbanken beschlössen, zusammen zu arbeiten (was allerdings nie geschehen würde), und alle ihre Reserven einsetzten, um die Krise zu meistern, hätten sie doch nur Mittel in der Größenordnung der Hälfte des Tagesumsatzes der Finanzmärkte um die Währungen zu stabilisieren. Im Gegensatz dazu könnte sich der Tagesumsatz an einem Krisentag an den Finanzmärkten verdoppeln oder verdreifachen, so daß die Reserven sämtlicher OECD-Zentralbanken nur für zwei bis drei Stunden reichten.
Dabei würde es sich bei diesem Zusammenbruch nicht nur um eine Wirtschaftkrise, wie die z.B. von 1929, handeln. Die Tragweite wäre viel weitreichender. Lietaer führt als historisches Beispiel den Zusammenbruch des Römischen Reiches an, das auch die Römische Währung beendete. Allerdings dauerte es damals noch 150 Jahre, bis das ganze Römische Reich untergegangen war - heute würde es nur einige Stunden dauern.
Das Gute an lokalen Währungen ist, daß Menschen ihr eigenes Geldsystem schaffen ohne eingebauten Knappheitsfaktor. Sie brauchen kein Geld von irgendwoher, um Tauschhandeln mit dem Nachbarn zu treiben.
Gerade deshalb sind lokale Währungen so wichtig, denn sie stellen ein Bollwerk gegen eine Krise der globalen Wirtschaft dar und würden, wie oben erwähnt, Umweltschutz und Kultur fördern.
 
Ausblick
Lietaer sieht in den lokalen Währungen die Möglichkeit, die größten Probleme, die heute die Menschheit hat, zu lösen. Diese sind auf der einen Seite die Ungleichheit und auf der anderen Seite der Zusammenbruch sozialer Gemeinschaften. Denn diese Faktoren schaffen Spannungen, die sich in Gewalt und Kriegen entladen. Wenn bewußt Währungen geschaffen werden, die Gemeinschaft und Nachhaltigkeit fördern, kann man diese Problme in den Griff bekommen. 
Die Zeit ist dafür reif; in den vergangenen Jahrzehnten haben wir ein Wiedererwachen des weiblichen Archetyps erlebt, sowohl in der Frauenbewegung, als auch im Bereich der Ökologie, in den Bewegungen zur Integration von Geist und Materie. Der Paradigmenwechsel spiegelt sich auch in den neuen Technologien wieder, die erlauben, Hierachien durch Netzwerke wie z.B.das Internet, zu ersetzen.
Heute haben wir das erste Mal in der Menschheitsgeschichte die Möglichkeit, aufgrund von Produktionstechnologien, Überfluß schaffen zu können. Dies in Verbindung mit dem Wechsel des Archetyps - also einer eher matriachal ausgerichtete Gesellschaft - erlaubt uns, bewußt ein Geldsystem zu schaffen, welches für uns arbeitet, das Nachhaltigkeit zum Ziel hat und Gemeinschaft auf lokaler und globaler Ebene fördert. Nach Lietaer sind diese Ziele in weniger als einer Generation zu erreichen, "ob wir sie tatsächlich erleben, wird davon abhängen, inwieweit wir fähig sind, miteinander zu kooperieren, um unser Geldsystem neu zu erfinden."7

Literatur:

 
Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung eines mit Bernard Lietaer geführten Interviews in der Zeitschrift Yes! Journal of Positive Futures. Sie erscheint vierteljährlich als werbefreies Themenheft und kostet im Abo US$ 31,- (Übersee).
Yes, PO Box 10818, Brainbridge Island, WA 98110, USA.
 
Eine deutsche Übersetzung (von Erika Riemer-Noltenius) des Gesprächs mit Sarah van Geldern und Bernard Lietaer fand erstmals in der Nummer 39 der Zeitschrift Zeitpunkt statt. 
 
 
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